Über schlechte Radwege lässt sich jeden Tag schimpfen. Gehört wird das selten. Genau deshalb halte ich den ADFC-Fahrradklima-Test für eine der wenigen Umfragen, bei denen sich das Mitmachen wirklich lohnt. Noch bis zum 30. November 2026 kannst du bewerten, wie fahrradfreundlich deine Stadt oder Gemeinde ist, in rund zehn Minuten und mit 27 Fragen.
In diesem Beitrag geht es um drei Dinge: was die aktuellen Studien über das Radfahren in Deutschland sagen, was wir uns als Radfahrer eigentlich alle wünschen und wie du den Fragebogen so ausfüllst, dass deine Antworten vor Ort tatsächlich etwas bewirken.
- Zeitraum: 1. September bis 30. November 2026, online unter fkt.adfc.de
- Aufwand: 27 Fragen, etwa zehn Minuten
- Neu 2026: eine eigene Befragung für Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren
- Letzte Runde: rund 213.000 Teilnehmende, Gesamtnote 3,92
- Größte Baustellen: Radwegbreite, Falschparker und Führung an Baustellen
- Wichtig für kleine Orte: Erst ab 50 Teilnahmen wird ein Ort voll gewertet
Zwei Studien, ein Befund: Wir fahren mehr und fühlen uns unsicherer
Wer wissen will, wo der Radverkehr in Deutschland steht, kommt an zwei Erhebungen nicht vorbei. Der ADFC-Fahrradklima-Test fragt alle zwei Jahre, wie zufrieden Radfahrende mit ihrem Ort sind. Der Fahrrad-Monitor des Bundesverkehrsministeriums ist dagegen eine repräsentative Befragung der Bevölkerung, ebenfalls im Zweijahresrhythmus. Beide kommen mit unterschiedlichen Methoden zu einem sehr ähnlichen Bild.
Gesamtnote 3,92 (2022: 3,96)
Radwegbreite: 4,70
Kontrolle von Falschparkern: 4,69
Führung an Baustellen: 4,65
70 % fühlen sich im Verkehr unsicher
39 % fahren täglich Rad oder Pedelec (2023: 38 %)
Sicherheitsgefühl gesunken auf rund 60 % (2021: 63 %)
Frauen fühlen sich deutlich unsicherer als Männer
52 % sorgen sich, dass ihr Rad gestohlen wird
Die Nachfrage ist also da, die Bedingungen halten aber nicht Schritt. Aus meiner Sicht ist das die eigentliche Nachricht: Es gibt keinen Mangel an Menschen, die Rad fahren wollen. Es fehlt an Wegen, auf denen sie es entspannt tun können. Wer heute noch zögert, tut das selten aus Bequemlichkeit, sondern weil er sich nicht sicher fühlt.
Was wir Radfahrer uns eigentlich alle wünschen
Egal ob Pendler mit Pedelec, Rennradfahrer auf dem Weg aus der Stadt, Eltern mit Lastenrad oder Schüler auf dem Weg zum Gymnasium: Die Wünsche sind erstaunlich ähnlich. Ein Carbonrenner oder Radwege aus Gold stehen bei niemandem ganz oben. Gewünscht sind ein paar ziemlich bodenständige Dinge.
- Genug Platz: Wege, auf denen man überholen und überholt werden kann, ohne die Luft anzuhalten.
- Trennung vom schnellen Autoverkehr: Vor allem auf Hauptstraßen sollen Radfahrende nicht darauf hoffen müssen, dass der Lkw-Fahrer den Abstand einhält.
- Ein Netz ohne Lücken: Nichts ist frustrierender als ein guter Radweg, der plötzlich im Nichts endet oder an einer Hauptverkehrsstraße abbricht.
- Sichere Kreuzungen: Gute Sichtbeziehungen, eigene Ampelphasen und Haltelinien, an denen man gesehen wird.
- Freie Wege: Kein Lieferwagen und keine Mülltonne auf dem Radweg, und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch kontrolliert.
- Vernünftige Baustellenführung: Eine Umleitung, die fahrbar ist, statt eines Schildes mit dem Hinweis, dass Radfahrer absteigen sollen.
- Abstellplätze, denen man vertraut: Fest verankert, beleuchtet und am besten überdacht.
Der ADFC fordert auf dieser Basis unter anderem eigenständige Radnetze in Stadt und Land, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts und den weiteren Ausbau von Fahrradparkplätzen an Bahnhöfen. Über einzelne Forderungen lässt sich politisch streiten. Über die Liste oben kaum, denn sie beschreibt schlicht, was Radfahren im Alltag angenehm macht.
Wo es bundesweit hakt und worauf du auf deiner Strecke achten kannst
Die folgende Tabelle verbindet die schwächsten Bewertungen aus dem letzten Fahrradklima-Test mit der Frage, woran du das Thema auf deinen eigenen Wegen erkennst. Nimm sie als Vorbereitung, bevor du den Fragebogen öffnest.
| Themenfeld | Bundesweite Note 2024 | Worauf du auf deiner Strecke achtest |
|---|---|---|
| Radwegbreite | 4,70 | Kannst du ein langsameres Rad überholen, ohne auf den Gehweg oder die Fahrbahn auszuweichen? |
| Falschparker | 4,69 | Gibt es Stellen, an denen fast täglich ein Auto oder Lieferwagen auf dem Radweg steht? |
| Baustellen | 4,65 | Wurde dir bei der letzten Baustelle eine fahrbare Umleitung angeboten oder nur ein „Radfahrer absteigen“? |
| Miteinander im Verkehr | 4,05 | Wie oft wirst du zu eng überholt oder an Einmündungen übersehen? |
| Abstellen | Selbstcheck | Würdest du dein Rad an deinem wichtigsten Ziel auch über Nacht stehen lassen? |
| Netz und Lücken | Selbstcheck | Wo endet ein Radweg abrupt oder zwingt dich auf eine stark befahrene Straße? |
Zu schmal ist heute etwas anderes als vor zehn Jahren
Dass ausgerechnet die Radwegbreite am schlechtesten abschneidet, hat einen Grund, der oft übersehen wird. Auf denselben Wegen sind heute ganz unterschiedliche Fahrzeuge unterwegs. Das Pedelec des Pendlers rollt nahezu konstant mit 25 km/h, daneben fährt jemand mit dem Einkaufsrad 15 km/h. Dazu kommen Trekkingräder mit breiten Packtaschen, Lastenräder mit Kindern vorn und zwischendurch E-Scooter. Überholen auf einem Weg, der für gleichmäßig rollende Hollandräder geplant wurde, wird da schnell zum Glücksspiel.
Wer wissen will, was Planer dafür eigentlich vorsehen müssten, findet in diesem Überblick eine gute Zusammenfassung, welche Infrastruktur E-Bike, Lastenrad und E-Scooter brauchen. Dort werden die Regelmaße der Planungsrichtlinien erklärt, und es wird deutlich, warum Mindestmaße in der Praxis nicht reichen. Interessant finde ich vor allem einen Punkt: Die Anforderungen hängen weniger am E-Bike selbst als daran, dass schlicht mehr Menschen Rad fahren.
Für deine Bewertung heißt das: Frag dich nicht, ob du irgendwie durchkommst. Frag dich, ob du entspannt überholen und überholt werden kannst. Genau das meint die Frage nach der Breite.
Die kritische Stelle ist fast immer die Kreuzung
Auf gerader Strecke fühlen sich viele einigermaßen sicher. Der Stress entsteht an Einmündungen, Ausfahrten und Kreuzungen, also überall dort, wo abgebogen und gequert wird. Das Problem: Du kannst auch mit Licht und Warnweste übersehen werden. Das liegt weniger an unaufmerksamen Autofahrern als daran, wie unser Gehirn den Verkehr filtert. Ausführlich habe ich das im Beitrag Sichtbarkeit beim Radfahren: Warum du übersehen wirst und was wirklich hilft erklärt.
Gute Infrastruktur setzt genau hier an. Vorgezogene Haltelinien, freie Sichtachsen und getrennte Ampelphasen nehmen dir einen Teil der Verantwortung ab, die du sonst allein trägst. Wenn du an einer Kreuzung auf deinem Weg jedes Mal das Gefühl hast, auf dein Glück angewiesen zu sein, gehört das ehrlich in deine Bewertung.
Abstellen: die unterschätzte Frage
Über Radwege wird viel diskutiert, über Abstellplätze kaum. Dabei entscheidet sich oft am Ziel, ob jemand überhaupt aufs Rad steigt. Laut Fahrrad-Monitor sorgt sich die Hälfte der Befragten, dass ihr Rad gestohlen wird. Wer ein E-Bike für 3.000 Euro fährt, lässt es nicht an einem wackligen Vorderradhalter stehen, an dem schon drei ausgeschlachtete Rahmen hängen.
Ein guter Abstellplatz hat einen fest verankerten Bügel, an dem du den Rahmen anschließen kannst. Er liegt gut einsehbar, ist beleuchtet und im besten Fall überdacht. Wo so etwas fehlt, hilft nur ein wirklich gutes Schloss. Welche Bauarten taugen und worauf du bei den Sicherheitsstufen achten solltest, steht im Ratgeber „Welches Schloss ist das beste für dein E-Bike„.
Fehlende Abstellanlagen gehören zu den Problemen, die eine Kommune vergleichsweise schnell und günstig lösen kann. Deshalb lohnt es sich besonders, sie im Fragebogen ehrlich zu bewerten.
Scooter, Radweg und die letzte Meile
E-Scooter auf dem Radweg sorgen regelmäßig für Diskussionen. Für die einen sind sie eine Plage, für die anderen die ideale Lösung für den Weg vom Bahnhof ins Büro. Für die Infrastruktur gilt aus meiner Sicht: Scooter verschärfen die Konkurrenz um Platz, die ohnehin schon da ist. Sie sind aber nicht die Ursache schmaler Radwege. Sie machen nur sichtbarer, dass der Platz schon vorher nicht gereicht hat.
So bewirkst du mit deinen Antworten wirklich etwas
Der Fahrradklima-Test arbeitet mit einer sechsstufigen Skala, ähnlich wie Schulnoten. Gefragt wird unter anderem nach dem Sicherheitsgefühl, nach Ampeln, Baustellen, Winterdienst und Abstellmöglichkeiten. Wie aussagekräftig das Ergebnis für deinen Ort wird, hängt stark davon ab, wie du antwortest.
- Denk an deine echten Strecken: Bewerte deine zwei oder drei häufigsten Wege und nicht das diffuse Gesamtgefühl.
- Differenziere: Wer aus Frust überall eine 6 vergibt, macht das Ergebnis wertlos. Erst die Unterschiede zeigen deiner Gemeinde, wo sie ansetzen muss.
- Sei auch beim Guten ehrlich: Eine neue Fahrradstraße oder eine bessere Ampelschaltung verdient eine gute Note. Das bestärkt die Verwaltung, weiterzumachen.
- Mach auch als Gelegenheitsfahrer mit: Gerade deine Sicht zeigt, was Menschen vom Radfahren abhält.
- Nimm die Familie mit: Partner, Eltern und Kinder erleben dieselben Wege oft ganz anders.
Ein weiterer Hebel wird oft übersehen. Neben den Radfahrenden werden auch Bürgermeister und Landräte befragt, welche Projekte und Maßnahmen es vor Ort gibt. Zuletzt haben sich daran 730 Städte und Kommunen beteiligt. Wenn die Einschätzung der Verwaltung und die Erfahrung der Radfahrenden weit auseinanderliegen, ist das eine Aussage, an der der Gemeinderat schwer vorbeikommt.
Warum gerade kleine Orte mitmachen sollten
Der letzte Test hat gezeigt, dass Großstädte immer besser bewertet werden, während kleinere Kommunen und der ländliche Raum langfristig zurückfallen. Bei mir im nördlichen Westerwald kann ich das nur bestätigen: Zwischen den Dörfern fährst du oft auf der Landstraße oder auf Wirtschaftswegen, die nie als Radnetz geplant wurden. Zumindest ist die Beschilderung hier auch tief im Wald hervorragend.
Dazu kommt ein Detail, das kaum jemand kennt: Voll gewertet wird ein Ort erst ab 50 Teilnahmen. Zwischen 30 und 49 erscheint er nur mit dem Hinweis auf eingeschränkte statistische Sicherheit. Darunter taucht er gar nicht auf. Gerade dort, wo der Nachholbedarf am größten ist, fehlt also oft die Datengrundlage. Wenn du auf dem Land wohnst, gib den Link weiter, im Verein, in der Nachbarschaft oder in deiner Radgruppe.
Neu in diesem Jahr: Kinder und Jugendliche kommen zu Wort
Erstmals gibt es eine eigene Befragung für junge Menschen zwischen 10 und 20 Jahren. Wie nötig das ist, zeigt die erste Kinderbefragung im Fahrrad-Monitor. Kinder stören sich vor allem an zu viel Verkehr, an fehlenden, zu schmalen oder kaputten Radwegen und an großen Fahrzeugen. Viele fahren deshalb auch dann noch auf dem Gehweg, wenn sie dafür längst zu alt sind.
Ob ein Radnetz wirklich funktioniert, zeigt sich nicht daran, ob ein routinierter Radfahrer durchkommt. Es zeigt sich daran, ob Eltern ihr zwölfjähriges Kind allein zur Schule fahren lassen. Wenn du Kinder in dem Alter hast, setz dich mit ihnen zusammen und lass sie selbst antworten. Die Antworten sind oft ehrlicher als unsere.
Häufige Fragen und Einwände
Mein Fazit
Der Fahrradklima-Test ist eines der wenigen Instrumente, bei denen deine Alltagserfahrung in einer Form ankommt, mit der Verwaltung und Politik arbeiten können. Nimm dir die zehn Minuten, denk vorher an deine echten Strecken und bewerte ehrlich und differenziert. Wenn du auf dem Land wohnst, erzähl anderen davon, damit dein Ort überhaupt in der Wertung auftaucht.
Schreib mir gern in die Kommentare, welche Stelle auf deiner Strecke die schlechteste Note verdient hat. Ich bin gespannt, ob sich unsere Problemstellen ähneln.




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