Was die Pleite von Haibike, Ghost und Winora für dich bedeutet

Haibike Trekking 5

Seit dem 11. August 2026 ist die Accell Group insolvent, Europas größter Fahrradkonzern mit über 1 Milliarde Euro Umsatz. In Deutschland betrifft das Haibike, Ghost, Winora und den Teilegroßhändler E. Wiener Bike Parts. Die deutschen Gesellschaften laufen in Insolvenz in Eigenverwaltung weiter, ein Investor wird gesucht, und die Löhne der 370 Beschäftigten in Sennfeld und Waldsassen sind über Insolvenzgeld bis Ende Oktober 2026 gesichert. So weit die Nachrichtenlage. Dieser Artikel klärt, was das konkret für dich bedeutet, wenn du eines dieser Räder fährst, eines bestellt hast oder gerade eines kaufen willst.

Dieser Artikel ist bewusst die Kurzfassung für Besitzer und Käufer. Wie eine Firma mit einer Milliarde Umsatz pleitegeht, obwohl die Kunden weiter Räder kaufen, warum die Gründer der Marken schon lange weg waren, wer die Marken jetzt bekommt und warum ich trotzdem unter einer Bedingung kaufen würde, erkläre ich ausführlich im Video auf meinem YouTube-Kanal.

Wo die Sache heute steht

Der niederländische Mutterkonzern ist am 11. August vom Bezirksgericht Amsterdam für insolvent erklärt worden, das ist ein Konkurs, kein Sanierungsverfahren. Das Werk in Ungarn, das zuletzt rund 300.000 Räder im Jahr gebaut hat, steht seit August still. Die deutschen Gesellschaften sind davon rechtlich getrennt. Sie haben am 5. August beim Amtsgericht Schweinfurt Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Das bedeutet, die Geschäftsführung führt den Betrieb selbst weiter, ein gerichtlich bestellter Sachwalter überwacht sie, und Produktion sowie Auslieferung laufen. Anfang September hat die Geschäftsführung das auf dem Händler-Orderfest in Kassel bestätigt und zugleich mitgeteilt, dass die DZB Bank die Zahlungsabwicklung mit den Händlern absichert. Das schützt die Händler vor Ausfällen. Für dich als Kunde ändert es nichts, denn dein Vertragspartner ist ohnehin der Händler und nicht Sennfeld.

Zwei Bieter sind öffentlich bekannt. Dutech aus Singapur, deren Übernahme das Bundeskartellamt schon am 8. Juli freigegeben hatte, bevor der Deal Ende Juli ohne Begründung platzte, und Quanta Capital aus Dublin um den früheren Radprofi Mel Sutcliffe. Dutech hat angekündigt, im Fall einer Übernahme ausschließlich über den Fachhandel zu verkaufen. Eine Entscheidung gibt es mit Stand 17. September nicht. Die entscheidende Frist ist Ende Oktober, wenn das Insolvenzgeld ausläuft.

Haibike E Bike

Du fährst ein Haibike, Ghost oder Winora

Gewährleistung und Garantie sind zwei verschiedene Dinge

Die Gewährleistung ist gesetzlich, dauert 2 Jahre und richtet sich gegen den Händler, bei dem du gekauft hast. Sie bleibt dir zu 100 Prozent erhalten, solange dein Händler existiert. In den ersten 12 Monaten nach Kauf muss der Händler beweisen, dass der Mangel beim Kauf noch nicht vorlag, ab dem 13. Monat musst du das beweisen. Deshalb ist die Rechnung mit dem Kaufdatum jetzt dein wichtigstes Dokument.

Die Garantie ist ein freiwilliges Versprechen des Herstellers, das über das Gesetz hinausgeht, zum Beispiel 5 Jahre auf den Rahmen. Solange die deutschen Gesellschaften in Eigenverwaltung arbeiten, werden Garantiefälle nach aktueller Auskunft weiter bearbeitet. Sollte es aber zu einem Regelverfahren und einer Zerschlagung kommen, wird aus der Garantie eine Insolvenzforderung. Dann stehst du mit deinem Anspruch in einer Reihe hinter Banken, Finanzamt und Lieferanten, und alle bekommen am Ende denselben Prozentsatz, die sogenannte Quote. Bei deutschen Firmeninsolvenzen liegt sie meist bei wenigen Prozent. Auf einen Rahmen im Wert von 1.000 Euro wären das im ungünstigen Fall vielleicht 30 Euro, ausgezahlt nach Jahren.

Welche Teile weiterlaufen und welche das Risiko sind

Alles, was an deinem Rad von Bosch, Shimano, Yamaha, Magura oder anderen Systemlieferanten kommt, ist von der Insolvenz nicht betroffen. Motoren, Akkus, Displays, Software-Updates und Ersatzteile kommen von diesen Firmen wie bisher, Bosch und Shimano haben das öffentlich bestätigt. Das Risiko liegt bei allem, was nur die Marke selbst konstruiert hat. Dazu gehören der Rahmen, markeneigene Gepäckträger, Akkuabdeckungen, Displayhalter und Lichtanlagen, die nur auf diesen Rahmen passen. Bei Modellen mit markeneigener Steuerung, also eigenem Display, eigener App oder eigener Motorsoftware, ist die Abhängigkeit am größten.

Die 4 Handgriffe, die du jetzt machst

  • Rechnung fotografieren und sicher ablegen. Sie ist deine Gewährleistung und der Nachweis fürs Kaufdatum.
  • Garantieurkunde, Registrierungsbestätigung und Rahmennummer in denselben Ordner. Falls es zum Regelverfahren kommt, meldest du deine Forderung schriftlich beim Sachwalter an. Nur angemeldete Forderungen werden berücksichtigt.
  • Markeneigene Verschleiß- und Kleinteile, die schon angeschlagen sind, jetzt bestellen. Solange das Lager in Sennfeld gefüllt ist, sind sie verfügbar und normal bepreist.
  • Einen laufenden Garantiefall am Rahmen oder an markeneigenen Teilen vor Ende Oktober beim Händler anmelden und schriftlich bestätigen lassen. Ein dokumentierter Fall ist ein Fall, der auch nach einem Investorenwechsel existiert.
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Du hast bestellt oder willst kaufen

Dein Händler ist Partner und Risiko zugleich

Dein Kaufvertrag besteht mit dem Händler. Kann er nicht liefern, muss er dir deine Anzahlung zurückzahlen. Das gilt aber nur, solange er selbst zahlungsfähig ist. Ein Händler, der einen großen Teil seines Lagers mit Accell-Marken bestückt hat, trägt selbst ein erhebliches Risiko. Deshalb ist die wichtigste Frage vor einer Bestellung nicht die nach dem Rabatt, sondern die nach dem Anteil der Accell-Marken im Lager des Händlers.

Anzahlung, Liefertermin, Leasing

Eine Anzahlung ist ein zinsloser Kredit an den Händler. Die sicherste Regel lautet, bezahlt wird bei Übergabe. Wenn der Händler auf einer Anzahlung besteht, dann maximal 10 Prozent und ausschließlich per Kreditkarte oder PayPal, weil du darüber Käuferschutz hast und das Geld im Ernstfall zurückholen kannst. Eine Überweisung ist ein Kredit ohne Sicherheit. Lass dir den Liefertermin schriftlich geben. Nur mit einem festen Termin kannst du bei Nichtlieferung eine Frist setzen, vom Vertrag zurücktreten und die Anzahlung zurückfordern. Das gilt besonders für Vorbestellungen des Modelljahrs 2027, die derzeit weiterlaufen sollen, deren Auslieferung aber von einem Investor abhängt, den es noch nicht gibt.

Wer sein Rad über Dienstrad-Leasing fährt, ist am wenigsten betroffen. Vertragspartner ist der Leasinggeber, dem das Rad gehört, Versicherung und Wartungspakete laufen weiter. Die großen Leasing-Dienstleister haben das bestätigt.

Rabatt oder Notverkauf

Im Handel gibt es aktuell Nachlässe von 700 Euro und mehr auf Räder der drei Marken. Ein normaler Modelljahreswechsel und ein Notverkauf sehen am Preisschild gleich aus. Drei Zeichen unterscheiden sie: Es gibt kein 2027er-Modell der Marke im Laden, alle Größen sind gleichzeitig reduziert statt nur die Restgrößen, und beim Wort Garantie verweist der Verkäufer auf sich selbst statt auf den Hersteller. Kaufen ist trotzdem vertretbar, wenn das Rad im Laden steht, du es sofort mitnimmst, bei Übergabe bezahlst und auf dem Rahmen ein System von Bosch, Shimano oder Yamaha arbeitet. Dann kaufst du ein gutes Rad, dessen Markenname dir egal sein darf.

Was dein Rad noch wert ist

Auf dem Gebrauchtmarkt hat die Insolvenz bisher kaum Spuren hinterlassen. Ein Haibike mit Bosch-Motor kostet gebraucht heute fast dasselbe wie im Juli, weil Käufer nicht die Marke kaufen, sondern das System, für das es in 10 Jahren noch Ersatzteile, Werkstätten und Software gibt. Kritisch wird es nur bei Rädern mit markeneigener Steuerung. Wird die Marke zerschlagen, gibt es für diese Teile keine Quelle mehr, und das Rad bekommt ein Verfallsdatum. Bei einem Rad ohne Motor ist die Insolvenz praktisch bedeutungslos, dort ist außer dem Rahmen nichts von der Marke.

Wer verkaufen will, sollte zwei Dinge beachten. Das Motorsystem gehört in die erste Zeile der Anzeige, es ist derzeit das stärkste Verkaufsargument. Und Panikverkäufe drücken den Preis für alle. Die Nachfrage nach E-Bikes ist stabil, 2 Millionen wurden 2025 in Deutschland verkauft. Wer ruhig bleibt, verkauft im Frühjahr zum normalen Preis.

Häufige Fragen

Erlischt meine Garantie durch die Insolvenz?
Nein, nicht automatisch. Solange die deutschen Gesellschaften in Eigenverwaltung arbeiten, werden Garantiefälle weiter bearbeitet. Erst wenn es zu einem Regelverfahren kommt, wird aus der Garantie eine Insolvenzforderung, die du beim Sachwalter anmelden musst.
Bekomme ich noch Ersatzteile?
Ja. Alle Systemteile von Bosch, Shimano, Yamaha und anderen Zulieferern laufen unverändert weiter. Markeneigene Teile wie Rahmen, Abdeckungen, Halter und spezielle Gepäckträger kommen über den Teilegroßhändler E. Wiener Bike Parts, der ebenfalls in Eigenverwaltung weiterarbeitet. Wer solche Teile absehbar braucht, bestellt sie jetzt.
Ich habe angezahlt, das Rad ist noch nicht da. Was jetzt?
Dein Vertrag ist mit dem Händler. Lass dir den Liefertermin schriftlich bestätigen. Wird er nicht eingehalten, setzt du eine Frist von 14 Tagen, danach kannst du zurücktreten und die Anzahlung zurückfordern. Bei Zahlung per Kreditkarte oder PayPal kannst du zusätzlich den Käuferschutz nutzen.
Läuft mein Dienstrad-Leasing weiter?
Ja. Vertragspartner ist der Leasinggeber, dem das Rad gehört. Versicherung, Wartungspakete und Rückgabe laufen wie vereinbart.
Bis wann fällt die Entscheidung über die Marken?
Das Insolvenzgeld für die 370 Beschäftigten läuft Ende Oktober 2026 aus. Bis dahin braucht es einen Investor, sonst droht ein Regelverfahren. Zwei Bieter sind bekannt, Dutech aus Singapur und Quanta Capital aus Dublin. Eine Entscheidung gab es mit Stand 17. September noch nicht.

Dieser Artikel wird aktualisiert, sobald es eine Entscheidung im Bieterverfahren gibt.

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